INTERVIEW

Robert Sepucha, Leiter des Bereichs
Verbands- und Regierungsbeziehungen bei
Fresenius Medical Care North America,
über das neue Pauschalvergütungssystem für
die Dialyse in den USA und warum die Aufgabe,
mehr Qualität zu geringeren Kosten zu bieten,
langfristig eine Chance für alle Beteiligten im
Gesundheitssystem sein kann.

Herr Sepucha, am 1. Januar 2011 trat in den USA ein neues Gesetz für die Vergütung von Dialysebehandlungen in Kraft, dessen Entstehung Sie und die gesamte Dialysebranche über zwei Jahre lang beschäftigt hat. Der fertige Gesetzestext umfasst mehr als 900 Seiten. Zwölf verschiedene Arbeitsgruppen ließ Rice Powell, der zuständige Vorstand von Fresenius Medical Care für Nordamerika, einrichten, um Ihr Unternehmen auf das neue Vergütungssystem vorzubereiten; er spricht in einem Brief an die Mitarbeiter sogar von einer „monumentalen Veränderung“. Was ist so monumental an dem neuen System?

Es handelt sich um ein in den USA völlig neues Konzept, das erstmals die Vergütung für die Dialyse an das Erreichen bestimmter Qualitätsziele knüpft. Es geht dabei um die komplette Neuausrichtung eines Systems, das fast zwei Jahrzehnte lang nahezu unverändert Bestand hatte. Wichtig zu wissen ist dabei, dass wir diese Reform, die der Kongress im Jahr 2008 angeordnet hat, seit vielen Jahren gefordert haben, ebenso wie Ärzte und Patientenorganisationen.

Was genau hat sich geändert?

Im Großen und Ganzen geht es um Folgendes: Eine Therapie für Patienten mit chronischem Nierenversagen umfasst mehrere Komponenten – neben der eigentlichen Dialysebehandlung zum Beispiel die Gabe von Medikamenten gegen Blutarmut und andere Begleiterscheinungen sowie Labortests, um die Therapie auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten abstimmen zu können. Bisher sind diese Komponenten von CMS (Centers for Medicare and Medicaid Services), den Behörden des staatlichen Gesundheitsfürsorgeprogramms in den USA, als Einzelleistungen separat erstattet worden. Das Anfang Januar in Kraft getretene neue Vergütungssystem fasst nun mehrere dieser Elemente zu einem Paket, einem „Leistungsbündel“ zusammen, das als Summe pauschal vergütet wird. Aktuell umfasst die Pauschalvergütung die Dialyse selbst sowie bestimmte Medikamente und Labortests; 2014 kommen weitere Arzneimittel hinzu.

Und welches Ziel verfolgt die Regierung mit dieser neuen Regelung?

Die Regierung will damit in erster Linie die Interessen der Patienten, Ärzte und Dialyseanbieter in der Weise aufeinander abstimmen, dass Dialysepatienten so hochwertig und zugleich effizient wie möglich versorgt werden können. Deren Versorgung ist kostenintensiv: Ungefähr 6% aller Gesundheitsausgaben von Medicare, der staatlichen Gesundheitsversorgung in den USA, entfallen auf die Behandlung von Dialysepatienten; dabei liegt deren Anteil an den Medicare-Versicherten nur bei rund 1%. Darüber hinaus wächst die Zahl der Menschen mit chronischem Nierenversagen von Jahr zu Jahr. Das neue System wurde einerseits eingeführt, um die Effizienz der Versorgung zu erhöhen, und zwar zunächst unter anderem durch eine Kürzung der Vergütung um 2%. Andererseits knüpft die Regierung das Vergütungssystem ab 2012 erstmals an die Qualität der Dialysebehandlung. Das bedeutet: Wer als Dialyseanbieter künftig den vollen Erstattungssatz erhalten will, muss nachweisen, dass er bestimmte Qualitätsziele bei seinen Patienten erreicht hat. Wenn Dialysekliniken diese Ziele nicht erreichen, wird ihre Vergütung um bis zu 2% gekürzt. Angesichts der Tatsache, dass unsere Patienten zu über 80% staatlich versichert sind, ist das für uns eine einschneidende Veränderung.

Aus Sicht der Behörden erscheint ein Ruf nach mehr Qualität zu geringeren Kosten ja plausibel. Aber kann das auch im Interesse von Fresenius Medical Care sein?

Ja, denn als Betreiber des größten Netzes von Dialysekliniken der Welt wissen wir aus eigener Erfahrung, dass eine bessere Behandlungsqualität erheblich zu Kostensenkungen beitragen kann. Wenn wir eine Therapie ganzheitlicher angehen, also eine hochwertige Behandlung anbieten, bei der die einzelnen Komponenten der Versorgung eng aufeinander abgestimmt sind, dann können wir nicht nur die Behandlungsergebnisse verbessern, sondern auch die Kosten der Versorgung senken. So werden Risiken für die Patienten so gering wie möglich gehalten und Zusatzkosten, zum Beispiel in Form von Krankenhausaufenthalten bei medizinischen Komplikationen, vermieden. Wir haben vor einigen Jahren ein eng an den Bedürfnissen des Patienten ausgerichtetes Qualitätsprogramm namens UltraCare in unseren Kliniken eingeführt. Darüber hinaus erheben wir bei jeder Behandlung klinische Daten nach anerkannten Standards, um die Behandlungsqualität zu messen und weiter zu verbessern. Das neue Vergütungssystem sehen wir in vielerlei Hinsicht als Bestätigung dieses Ansatzes.

Wie meinen Sie das genau?

Bis 2011 wurden die Kosten für viele unserer Leistungen rund um die Dialyse separat abgerechnet. Dadurch konnten wir keinen wirklich ganzheitlichen Ansatz bei der Versorgung der Patienten verfolgen. Jetzt haben wir größere Freiheiten, um uns mit dieser Frage eingehender zu beschäftigen – und das ganze Potenzial der Daten zu nutzen, die wir in unseren Kliniken erheben. Aus unserer Sicht ist das neue System sowohl für die Patienten als auch für die Dialyseanbieter eine Chance.

Es ehrt Sie ja, dass Sie die Qualität für Ihre Patienten kontinuierlich verbessern wollen. Aber sicher gibt es auch handfeste wirtschaftliche Gründe, warum Sie sich für die neue Regelung eingesetzt haben?

Natürlich gibt es die. Aber das eine kann man nur schwer vom anderen trennen. Wenn wir als Unternehmen unsere Patienten dauerhaft hochwertig versorgen wollen, müssen wir die wirtschaftlichen Realitäten anerkennen. Zugleich kann es doch nur in unserem Interesse sein, Patienten so hochwertig wie möglich zu therapieren. Denn letztlich sind sie unsere Daseinsberechtigung. Wenn ihre Lebensqualität und -erwartung sich verbessern, dann ist das sowohl für sie als auch für uns ein Gewinn. Aber wir müssen auch Teil der Lösung sein, wenn es darum geht, die Herausforderung steigender Gesundheitskosten sowohl in den USA als auch in anderen Ländern der Welt zu meistern. Kurzum: Wir müssen weiterhin dazu beitragen, die Qualität zu steigern und gleichzeitig die Kosten zu senken. Allerdings, und da sind wir wieder bei Ihrer Frage: Allein schaffen wir das nicht. Ab einem gewissen Punkt muss uns die öffentliche Hand entgegenkommen.

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